Tobias Schumann, Abijahrgang 2007:
Drei Jahre VKK - Ein kleines Resümee
Da stand ich also vor vier Jahren: In Bayern, fernab aller Zivilisation, verkaufte Bier und Brotzeit an Wanderer oder schraubte an irgendwelchen kaputten Dingen herum. "Bis zum Ende deiner Tage willst du das aber nicht machen", dachte ich mir. Und als mir dann meine eigne Chefin sagte, sie würde mich entlassen, wenn ich nicht endlich mein Abitur machen würde, da habe ich dann selbst gekündigt und mir eine Schule gesucht.
Auf der Suche nach der Schulleitung stapfe ich leise durchs Haus. Kleine Lerngruppen brüten über Büchern. Aber bloß niemanden nach dem Weg fragen! Zweiter Stock, Sekretariat gefunden. Zaghaftes Klopfen. Unsere Sekretärin bittet mich herein. Durchatmen. "Ich wollte mich gern anmelden zum ... ähm..." "Zum Vorkurs?" "Ja, genau. Ich..." "Haben Sie Ihre Zeugnisse dabei?" Hatte ich. Alles eine Sache von zwei Minuten, schon war ich wieder draußen. Und ich war wieder Schüler. Vorkurs, Einführungsphase und zwei Jahre Kursphase. Ist wirklich alles schon wieder vorbei?
Ein halbes Jahr Vorkurs zum Auffrischen. Die englischen Vokabeln waren ganz schön verstaubt, kamen aber wieder. Mathe war nicht ohne, aber selten habe ich so viel in so kurzer Zeit wieder aktiviert. Der Rest hat sich gut ergänzt. Fürs Abitur steht es an, eine zweite Fremdsprache zu wählen. Und wenn man für den Deutschunterricht die Grammatik endlich wirklich verstehen möchte, lerne man Latein als neue Sprache. Hat bei mir gut geklappt! E-Phase: Endlich selbst wählen, was man weiter machen möchte, zumindest in Teilen. Ich - wissensdurstig - packe den Stundenplan natürlich so voll, wie es geht, Sozialwissenschaften, Politik, Geschichte, Kunst etc. Andere, stürzen sich auf Informatik oder Psychologie, Erdkunde oder Musik. Verstecken braucht sich unser Fächerkatalog nicht.
In der Kursphase angelangt! Dem Gefühl nach in Nullzeit. Mathematik als Leistungskurs. Ob ich das noch einmal machen würde, müsste ich mir sehr gut überlegen. Wie viele andere kann auch ich meine Berufsausbildung in den zweiten Leistungskurs ummünzen, in die Chemie nämlich, und fahre damit auch sehr gut. Viele Menschen aus der medizinischen Richtung sammeln sich im Biologie-LK, die Sprachenfraktion im Deutsch-, Englisch-, Spanisch- oder Russisch-LK. Wir sind übrigens das einzige Kolleg in Berlin, das Russisch auch als Leistungskurs anbietet. Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache sind analog zu den Regelgymnasien natürlich auch bei uns Pflichtkurse und einige Menschen setzen Himmel und Hölle in Bewegung, um die Mathematik als Prüfungsfach auszuschließen. Sie ist auch fraglos für einen großen Teil das Knabberfach Nummer eins. Doch drei Jahre Victor-Klemperer-Kolleg bestehen nicht nur aus Lernen. Die Kollegiatinnen und Kollegiaten läuten zusammen die Weihnachtszeit ein, auch im Frühling wird noch einmal zusammen gefeiert. Theater und Exkursionen bleiben uns auch nicht fremd. Alle Menschen finden in dieser Zeit ihre Nischen, im Schulhaus, auf dem Hof und im Geflecht der sozialen Rollen. Viele Leute lernt man besser kennen, aber zugegeben, von einigen kenne ich auch heute noch nicht die Namen.
In mehr als drei Jahren erlebt man, wie sich andere Menschen verändern, zum Guten wie zum Schlechten, man selbst verändert sich freilich auch. Die Schülerzeitung, die man in Klasse 11 mit Gleichgesinnten ins Leben ruft, hat nun schon drei Jahre Bestand und für den Autor dieser Zeilen auch die berufliche Richtung in der Zeit nach dem Kolleg aufgezeigt. Nun habe ich nur noch wenige Wochen vor mir, im April schreibe ich mit mehr als einhundert genauso nervösen Leuten meine Abiturprüfungen. Ich bereue keinen Tag hier. Sicher, auf die Bekanntschaft mit manchen Menschen hätte ich bequem verzichten können, andere möchte ich keinen Tag mehr missen. Ich bin auf so einige Seltsamkeiten gestoßen - auf LehrerInnen- wie auf SchülerInnenseite. Weltoffenheit und Verbohrtheit, Bevorzugung und Benachteiligung. Doch so ist das Leben, man kriegt nur graue Haare, wenn man sich da aufregt. Ich mag diese Schule und bin gern hier! Und wer immer schon mit vielen motivierten Menschen drei spannende Jahre verbringen wollte, ist nirgendwo richtiger als hier. |