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Victor Klemperer

Victor Klemperer wurde 1881 in Landsberg/ Warthe (heute Gorzow) als Sohn eines Rabbiners geboren. Im "Brockhaus" der 1920er-Jahre steht sein Name zusammen mit denen seiner Brüder Georg und Felix (bedeutende Ärzte) verzeichnet: als herausragender Romanist und Autor wichtiger Werke, u.a. zur Geschichte der französischen Literatur. Der Dirigent Otto Klemperer (1885-1973) war sein Vetter.
Victor Klemperers Schicksal im Dritten Reich und sein Wirken danach hat ihn zu einer Persönlichkeit der Zeitgeschichte werden lassen.
Klemperer hat sein ganzes Leben lang Tagebuch geführt. Seine 1995 im Aufbau-Verlag veröffentlichten Tagebücher 1933-1945 umfassen ca. 1700 Seiten.
Klemperers Aufzeichnungen halten - teils nüchtern berichtend, teils leidenschaftlich verurteilend - die Entwicklung des verbrecherischen Nazisystems Schritt für Schritt minutiös fest: die Lügen der Propaganda, die fortschreitende Demütigung, Entrechtung, Enteignung und schließlich Deportation der Juden, die Kriegsvorbereitung, den Kriegsverlauf, die Zerstörung Dresdens, wo er als Jude in täglicher Bedrohung lebte, und schließlich den Zusammenbruch.

Zahlreiche Schicksale werden in Klemperers Tagebüchern anschaulich beschrieben, Menschen treffsicher porträtiert; sein eigenes Schicksal - die Gefahren, Erniedrigungen, Ängste, Hoffnungen, Freuden - lässt er den Leser durch die Macht seiner Sprache unmittelbar miterleben. Unter dem Stichwort "LTI" (Lingua Tertii Imperii - Sprache des Dritten Reiches) notiert der scharf beobachtende Philologe in seinen Tagebüchern Beispiele für den Sprachgebrauch der nazistischen Unmenschen.
Diese Sprachnotizen verarbeitete er nach dem Krieg zu dem 1947 erschienenen Buch "LTI - Notizbuch eines Philologen". Über die verräterische Sprache enthüllt Klemperer das Wesen der Naziideologie, ihren zutiefst menschenverachtenden, verbrecherischen Charakter.
In einem 1946 geschriebenen Brief sagt Klemperer: "Ich möchte gar zu gerne am Auspumpen der Jauchegrube Deutschlands mitarbeiten, dass wieder etwas Anständiges aus diesem Lande werde." Dieser Aufgabe widmete sich der schwer herzkranke Mann mit unglaublicher Energie aus der Erkenntnis, dass ein neues Deutschland nur durch die Aufklärung und Bildung des Volkes geschaffen werden konnte. Er wurde Leiter der Dresdner Volkshochschule und Vorsitzender des Dresdner Kulturbundes, äußerte sich auch in Aufsätzen zu Aufgabe und Wesen der Erwachsenenbildung. Als seine Studenten begeisternder und prägender Universitätslehrer wirkte er in Dresden, Greifswald, Halle und Berlin. Gleichzeitig publizierte er weiter Wesentliches zur Geschichte der französischen Literatur.
Victor Klemperer hat auch eine umfängliche, inhaltlich fesselnde und sprachlich brillante Beschreibung seiner "Jugend um 1900" hinterlassen, die 1989, noch vor der Wende, in einer zweibändigen Ausgabe gleichzeitig in Ost- und Westberlin erschien.
Victor Klemperer starb 1960 in Dresden. Er war Philologe, Mann der Erwachsenenbildung, von humanistischem und humanem Geist erfüllter Beobachter des Zeitgeschehens und engagierter Demokrat. In seinen Schriften erlebt man ihn als scharfsinnigen Gelehrten, als leidenschaftlichen Kämpfer für ein besseres Deutschland, als meisterhaften Formulierer und als ehrlichen, auch seine Schwächen nicht verschweigenden Menschen.

 

Tabellarischer Überblick

1881

Victor Klemperer wird am 9. Oktober in Landsberg/Warthe geboren

1890

Die Familie zieht nach Berlin, der Vater wird 2. Prediger der Berliner Reformgemeinde.

1893-1897:::

Besuch des Gymnasiums in Berlin

1897

Kaufmannslehre bei der Kurz und Galanteriewaren Exportfirma Löwenstein & Hecht

1900-1902

Besuch des Königlichen Gymnasiums in Landsberg/Warthe; Reifeprüfung

1902-1905

Studium (Philosophie, romanische und germanische Philologie) in München, Genf, Paris und Berlin

1906

Heirat mit Eva Schlemmer (Pianistin und Musikwissenschaftlerin)

1905-1912

Schriftsteller in Berlin

1913

Promotion bei Franz Muncker

 

Zweiter Parisaufenthalt: Montesquieu-Studien für Habilitationsschrift

1914

Habilitation bei Karl Vossler

1914-1915

Lektor an der Universität Neapel (als Privatdozent der Universität München)

 

"Montesquieu, 2 Bände"

1915

Kriegsfreiwilliger (November 1915 bis März 1916 an der Front)

1916-1918

Zensor im Buchprüfungsamt der Presse-Abteilung des Militärgouvernements Litauen in Kowno und Leipzig

1919

außerordentlicher Professor an der Universität München

1920-1935

ordentlicher Professor an der Technischen Hochschule Dresden

1923

"Moderne Französische Prosa"

1925-1931

"Die Französische Literatur von Napoleon zur Gegenwart", 4 Bände

 

(Neuauflage 1956: "Geschichte der französischen Literatur im 19. und 20. Jahrhundert")

1926

"Romanische Sonderart. Geistesgeschichtliche Studien"

1929

"Idealistische Literaturgeschichte. Grundsätzliche und anwendende Studien"

 

"Moderne Französische Lyrik"

1933

"Pierre Corneille"

1935

"Entpflichtung" auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums

1945-1947

ordentlicher Professor an der Technischen Hochschule Dresden

1947

"LTI-Notizbuch eines Philologen"

1947-1948

ordentlicher Professor an der Universität Greifswald

1948-1960

ordentlicher Professor an der Universität Halle

1951

Am 8. Juli stirbt Eva Klemperer.

1951-1954

ordentlicher Professor an der Universität Berlin

1951

Dr. h. c. paed. der Technischen Hochschule Dresden

1952

Heirat mit Hadwig Kirchner

1953

Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin

1954

"Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert", Band 1: Das Jahrhundert Voltaires

1956

"Vor 33/Nach 45. Gesammelte Werke"

1960

Victor Klemperer stirbt am 11. Februar in Dresden.

1966

"Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert", Band 2: Das Jahrhundert Rousseaus

1989

"Curriculum vitae. Erinnerung eines Philologen. 1881-1918"